Cluny und die »Libertas ecclesiae«


Cluny und die »Libertas ecclesiae«
Cluny und die »Libertas ecclesiae«
 
Wer die kulturellen Leistungen des frühmittelalterlichen Mönchtums bestaunt, wird sich die Frage stellen, warum manches blühende Kloster binnen weniger Jahrzehnte einen dramatischen Niedergang erlebte. Schuld daran war nicht selten das Eigenkirchenwesen. Der Gründer eines Klosters behielt sich und seinen Erben weit reichende Verfügungsrechte vor, die oft durch Einsetzung willfähriger Äbte abgesichert wurden. Materielle Ausbeutung konnte so mit dem Schwund mönchischer Disziplin einhergehen.
 
Immer wieder traten Reformer auf, die dem verderblichen Einfluss der Eigenkirchenherren entgegenwirkten. Es war daher programmatisch zu verstehen, dass Herzog Wilhelm von Aquitanien 909/910 seiner Neugründung Cluny (bei Mâcon in Burgund) das Recht auf freie Abtswahl zugestand. Zum Schutz gegen Übergriffe Dritter wurde die Abtei dem Heiligen Stuhl unterstellt. Die betonte Rombindung machte sich schon bald bezahlt, denn 931 gewährte Papst Johannes XI. Cluny das Recht, jeden Mönch aufzunehmen, dessen angestammtes Kloster sich einer Reform verweigerte.
 
Nicht nur Laien, sondern auch machtbewusste Bischöfe konnten sich als Gefahr für die klösterliche Selbstbestimmung erweisen. Daher entließ Papst Gregor V. Cluny 998 aus der Diözesangewalt des Bischofs von Mâcon. Inzwischen hatte sich die burgundische Abtei zu einem bedeutenden Reformzentrum entwickelt. Die Zahl der Mönche wuchs zusehends, und ganze Klöster unterstellten sich der Aufsicht des Abtes von Cluny. Das führte zu einer neuen Organisationsform, die dem benediktinischen Mönchtum ursprünglich fremd war. Die Benediktregel betrachtete das Einzelkloster als ein in sich geschlossenes System; der Gedanke an einen ordensähnlichen Klosterverband lag ihr fern. Dagegen bezog die kluniazensische Reformbewegung ihre Stärke gerade aus der Vielzahl der Mitglieder. Die straff zentralistische Ausrichtung garantierte ein einheitliches Auftreten nach außen und eine wirksame Kontrolle im Innern.
 
Dass das Modell Cluny seine Ausstrahlungskraft bis ins 11. Jahrhundert bewahren konnte, war nicht zuletzt durch die erstaunlich langen Amtszeiten der frühen Äbte bedingt: In unmittelbarer Folge haben Majolus (954-994), Odilo (994-1049) und Hugo (1049-1109) mehr als 150 Jahre lang dem Kloster vorgestanden. Ihr Einfluss reichte weit über mönchische Belange hinaus; von Päpsten und Königen wurden sie als Berater und Diplomaten geschätzt. 1051 hob Abt Hugo den späteren Kaiser Heinrich IV. (1056-1106) aus der Taufe. Als sein Patenkind 1077 den Bußgang nach Canossa antreten musste, war es Hugo, der gemeinsam mit der Markgräfin Mathilde Papst Gregor VII. zur Rücknahme des Kirchenbanns bewegte.
 
Die Bereitschaft, als Vermittler tätig zu werden, war typisch für die Haltung der Cluniazenser im Investiturstreit. Im Ringen um die »Libertas ecclesiae«, um die Freiheit der Kirche von weltlicher Bevormundung, hielt sich Cluny von extremen Positionen fern. So erlebte das Reformkloster ausgerechnet in einer Zeit kirchenpolitischer Umwälzungen seine höchste kulturelle Blüte. Wegen des anhaltenden Zustroms Eintrittswilliger wurde 1088 mit dem Bau einer neuen Abteikirche (»Cluny III«) begonnen. Das 1130 von Papst Innozenz II. geweihte Gotteshaus war damals das größte der abendländischen. Christenheit.
 
Nicht nur in der Architektur setzte Cluny eindrucksvolle Akzente. Eine besondere Faszination ging von den feierlichen Gottesdiensten aus, die sich in den gewaltigen Dimensionen von »Cluny III« voll entfalten konnten. Der Chorgesang der Mönche, die Pracht der Messgewänder und der Einsatz von Weihrauch machten die klösterliche Liturgie für jeden Teilnehmer zu einem bewegenden Erlebnis.
 
Eine ihrer wichtigsten Aufgaben sahen die Kluniazenser im Gebet für die Toten. Aufgrund einer Anordnung des Abtes Odilo beging man jeweils am 2. November einen Gedenktag für alle Verstorbenen. Bis heute hat sich dieser »Allerseelentag« im Festkalender der römisch-katholischen Kirche erhalten.
 
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts erlahmte der reformerische Elan Clunys. Der Zisterzienserorden, dessen Stammhaus Cîteaux (bei Dijon) 1098 gegründet wurde, vertrat ein Mönchsideal, das in seiner asketischen Strenge den Bedürfnissen der Zeit besser entsprach. Clunys Reichtum, hieß es nun, beruhe auf fremder Hände Arbeit, auf den Abgaben von Leibeigenen und Pächtern. Der heilige Benedikt habe jedoch den Mönchen auferlegt, ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Die Kluniazenser, einst als Erneuerer des benediktinischen Mönchtums angetreten, wurden gleichsam mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Auch der angesehene Abt Peter der Ehrwürdige (1122-1156) konnte den Niedergang nicht aufhalten. 1258 ließ sich Cluny ein Schutzprivileg des französischen Königs ausstellen und gab damit die exklusive Bindung an das Papsttum auf.
 
Dr. Michael Oberweis
 
 
Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. Düsseldorf 31994.
 Frank, Karl Suso: Geschichte des christlichen Mönchtums. Darmstadt 51996.
 
Geschichte der katholischen Kirche, herausgegeben von Josef Lenzenweger u. a. Graz u. a. 31995.
 
Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen, herausgegeben von Peter Dinzelbacher u. a. Stuttgart 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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